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agenda design 4

Interview mit dem Magazin ‚agenda design 4‘ der Allianz der deutschen Designer im April 2017

 

Wann hast du beschlossen, Schmuckdesignerin zu werden?

Das hat sich schon in meiner Schulzeit herauskristallisiert.Ich war auf einer Waldorfschule, wo es Schmuckdesign als Schulfach gab – darin bin ich total aufgegangen. Als ich entdeckt habe, dass man das auch studieren kann, war mir schnell klar, was ich machen will.

Du hast in Pforzheim studiert, an einer Hochschule, die weithin bekannt ist für Schmuckdesign. Lernt man dort auch das klassische Gold- und Silberschmiedehandwerk?

Ich habe dort einen technischen Vorkurs gemacht, im Zuge dessen man ein Jahr lang vierzig Stunden pro Woche in der Werkstatt ist und die Grundlagen des Handwerks lernt. Ich habe große Freude am Handwerk und entwickle mich darin immer weiter, bin aber keine Goldschmiedin sondern Designerin.

Viele deiner Stücke haben eine spielerisch-erzählerische Komponente. Folgst du einem bestimmten Entwurfsprozess?

Bei meinen freien Arbeiten überlege ich mir erst die Geschichte bzw. das Konzept. „Holzblut“ ist zum Beispiel eine Kollektion, bei der es mir darum ging, künstliche und natürliche Materialien zu verschmelzen und dieser Verbindung dann wieder Verletzungen zuzufügen. Bei meiner Bachelor-Arbeit „fransenKANTE“ hat mich besonders die Kombination von sehr unterschiedlichen Materialeigenschaften und deren Rollentausch gereizt. Dafür habe ich Polyestergarn künstlich versteift, um Flächen und harte Kanten zu ermöglichen, und Metall so bearbeitet, dass es eine gewisse Leichtigkeit und Flexibilität transportiert. Ich mache aber auch viele Anfertigungen, bei denen ich sehr schnell vom Zeichnen zum Modell übergehe. Um zu verstehen, wie etwas funktioniert, muss ich es in der Hand haben.

Häufig schmücken deine Arbeiten eher ungewöhnliche Körperstellen. Was reizt dich daran?

Die Auseinandersetzung mit dem Körper ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit und ich möchte mich nicht darauf beschränken, nur Finger, Hals und Ohren zu schmücken. Bei meiner Kollektion „Bodyguard“ werden Handgelenk, Kopf, Solar Plexus & Herz, Nacken und Achillessehne nicht nur geschmückt sondern auch geschützt. Insbesondere beim Showpiece für die Schultern wird dabei die Schutzfunktion metaphorisch überhöht. Die nach Außen weisenden Pyramiden werden durch elastischen Stoff im Inneren komplementiert.
Schon in Pforzheim war der Zugang zum Schmuckdesign sehr experimentell und es sind dort viele wilde Sachen entstanden. Nach dem Bachelor habe ich zwei Jahre angewandt gearbeitet, und da kam es darauf an, dass die Sachen tragbar und verkäuflich sind. Im letzten Oktober habe ich dann ein Masterstudium für Künstlerische Konzeption an der Hochschule Reutlingen begonnen. Dort bin ich absolut frei und nutze die Zeit, um die
Anforderungen angewandter Arbeit noch mal komplett zu sprengen.

In deinem Projekt „62 Tage // 62 Schmuckstücke“ lotest du die Grenzen dessen aus, was Schmuck sein kann. Jeden Tag hast du ein neues Stück entworfen, häufig durch Kombination billiger Alltagsmaterialien. Wie kam es zu dieser Versuchsanordnung und was hast du daraus gelernt?

Ich hatte mich davor mit Camus’ „Mythos von Sisyphos“ beschäftigt, weil mich die dort behandelten Fragen nach dem Absurden und der Monotonie interessieren. Am Anfang des Projekts hatte ich die Sorge, dass mir nach zwei Wochen die Ideen ausgehen, aber das war überhaupt nicht so, und aus vielen Einfällen haben sich parallele Erzählstränge gebildet, sodass am Ende sogar 72 Schmuckstücke entstanden sind. Ich habe viel über den Umgang mit Formen und Materialien gelernt, etwa wie schwer etwas sein darf, um noch tragbar zu sein. Durch den Entwurf als tägliches Ritual habe ich auch besser verstanden, ich welche Stimmung ich kommen muss, um neue Ideen zu entwickeln. Häufig bilden meine Bild- und Materialbibliotheken den Ausgangspunkt, von wo aus ich spielerisch und intuitiv neue Stücke entwickle. Zeitweise war ich versucht, immer größer zu werden, und habe sogar über Schmuck für Autos und Häuser nachgedacht. Aber ich habe dann für mich rausgefunden, dass die Arbeiten nah am Körper bleiben müssen, damit sie für mich noch Schmuck sind.

Wie sind die beruflichen Perspektiven für junge Schmuckdesigner?

Im Moment möchte ich am liebsten in einer Werkstatt mit anderen im Team arbeiten.
Darüber hinaus ist es sinnvoll, auf Messen zu gehen und die eigenen Arbeiten zu verschiedenen Galerien zu geben. Ich werde z.B. von einer Galerie in Karlsruhe vertreten. Mittelfristig kann ich mir gut vorstellen, eine eigene Galerie aufzumachen. Auch das Internet sollte man als Vertriebsweg nutzen, es gibt viele Schmuckdesigner, die sehr erfolgreich ihren eigenen Online-Shop betreiben.

Herausgeber: Allianz deutscher Designer (AGD)
Chefredakteur: Florian Alexander Schmidt
Konzeption & Gestaltung: Jan-Hendrik Schmidt, Buntesamt
Veröffentlichung: April 2017